Verliebtheit

Die Vernunft wunderte sich über das Verhalten ihres Gastgebers, der sich zu wandeln schien. Er wurde sanft, großzügig und hoffnungsvoll. Bald erkannte sie, dass er verliebt war und wollte wissen, wen sie dafür belohnen sollte.

Das Hirn meldete sich eilig: „Ich war es, Madame. Ich gab den Befehl Phenyläthylamin auszuschütten. Sie wissen, die Chemikalie der Liebe, dadurch verliebt sich sogar eine Mauer.“

„Nein, wir waren es“, riefen die Augen, „nur durch uns konnte er seine Angebetete in den schönsten Farben sehen.“

„Angeber! Wenn ihr es gewesen wärt, hätten sich Blinde nie verliebt“, riefen die Ohren im Chor, „erst die süße Stimme machte ihn hilflos.“ „Aber gemach, gemach, ohne mich läuft nichts“, rief die Nase. Die anderen lachten.

„Und wir?“, protestierten die Hände. „Wer hat die Geliebte berührt?“ „Aber nein“, riefen die Beine ärgerlich, „ihr fragt nicht, wer ihn zu ihr brachte.“ Die Vernunft schaute um sich. „Und du, was hast du gemacht?“, fragte sie das Herz.

„Ich?“, erschrak das Herz und errötete. „Ich habe nichts gemacht, ich war durcheinander“, sagte es leise. Die Vernunft lächelte.

(Rafik Schami)