Unentschieden

Ein Reisbauer erhielt zwei Einladungen zu verschiedenen Festen, die beide am gleichen Tage gefeiert werden sollten: in einem Dorf, weit unten am Fluss wollte ein Freund ein üppiges Mahl mit Ziegenbraten anrichten, während ein anderer Freund den Mann zum Schlachtfest mit Büffelbraten in sein Dorf am Oberlauf des Flusses geladen hatte. Da war guter Rat nun teuer: Gut gewürztes Ziegenfleisch gab es nicht alle Tage und für einen köstlichen Büffelbraten würde jedermann meilenweit gehen. So wandte sich auch der Reisbauer dem Büffelfest zu und schritt kräftig flussaufwärts. Nach einigen Meilen bedrängte ihn plötzlich der Gedanke, dass er sich immer weiter von dem Ziegenbraten entfernte, je weiter er flussaufwärts strebte. Er ging langsamer, um besser nachdenken zu können.

„An so einer Ziege ist ja gar nicht so viel Fleisch“, überlegte er: „Es wird darum auch eine Ziege viel schneller verzehrt sein als ein ganzer Büffel. Wenn ich jetzt also umkehre, bekomme ich sicher noch etwas vom Ziegenbraten ab. Und wenn ich mich danach rasch verabschiede, wird noch reichlich Fleisch vom Büffel für mich übrig sein, wenn ich oben im Dorf ankomme.“

Das schien ihm ganz logisch zu sein, und er freute sich, dank seiner Klugheit doch noch einen Weg gefunden zu haben, der es ihm ermöglichte, auf keinen der beiden Genüsse verzichten zu müssen. Eilig war er umgekehrt und eilte zu dem Dorf am unteren Flusslauf. Ziemlich außer Atem und hungrig erreichte er den Festplatz, doch er traf dort nur seinen Freund an.

„Wo warst du denn so lange? Ich hatte das beste Stück Ziegenfleisch für dich aufgehoben, aber da du dich nicht blicken ließest, habe ich es schließlich unter den Gästen verteilt. Schade, nun ist nichts mehr übrig.“

Ungläubig starrte der Reisbauer seinen Freund an, machte auf dem Absatz kehrt und rannte flussaufwärts. Meile um Meile lief er, aber der Hunger ließ seine Schritte nicht schneller werden. Nur die Vorstellung, sich am Büffelbraten nun doppelt schadlos zu halten, trieb ihn voran.

Schweißbedeckt und hungrig kam er mit zitternden Knien endlich beim Haus des Freundes an. Ach, wie fein es duftete nach Büffelbraten und gewürztem Reis. Voller Freude auf einen herzhaften Bissen stieß er das Haustor auf, und er bemerkte erst jetzt, wie merkwürdig still es bei dem Gelage zuging.

„Hallo, mein Freund,, wo kommst du denn her?“ rief der Gastgeber ihm entgegen. „Mit dir hat nun niemand mehr berechnet. Und ich hatte das beste Bratenstück extra für dich aufbewahrt. Doch schließlich habe ich es unter den Gästen aufgeteilt, die vor einer halben Stunde gegangen sind. Schade für dich. So bald wird es nicht wieder Büffelbraten geben.“

(aus: Norbert Lechleitner, Ein Lächeln für die Seele, Herder)