Steine des Lebens

Seine Studenten staunten nicht schlecht, als der Professor für Philosophie an diesem Morgen den Hörsaal betrat. Statt der üblichen Lektüre, die er für gewöhnlich unter dem linken Arm trug, um sie mit einem Lächeln auf dem Pult abzusetzen, schob er einen Rolltisch vor sich her, auf dem allerlei Gefäße, Eimer, Säckchen zu sehen waren.

„Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zu diesem wunderschönen, sonnigen Tag und dieser sicherlich ebenso wunderschönen, interessanten Vorlesung,“ begann er seinen Vortrag und schob den Rolltisch neben sich, hinter das Pult.

„Lassen Sie uns heute einmal zu unseren naturwissenschaftlichen Kollegen schauen; ich werde versuchen, Ihnen anhand der mitgebrachten Utensilien, die Physik ein klein wenig näher zu bringen.“ Ein Raunen ging durch die Zuhörerschaft. Der Alte hatte Ahnung von Physik? Das mochte keiner so recht glauben. Gewiss, seine Vorträge waren spannend, logisch, sicher auch wissenschaftlich, aber Physik in einer Vorlesung für Philosophie?

Der so Bestaunte beachtete die aufgekommene Unruhe gar nicht. Mit Sorgfalt stellte er ein großes Glasgefäß auf und füllte es mit Steinen, etwas mehr als faustgroß. In allen Farben und Formen lagen sie nun, dicht bei dicht in dem Glas. „Meine Damen und Herren, bitte beantworten Sie mir eine einfache Frage: Ist das Gefäß hier vor mir voll?“
Lachen drang aus dem Zuschauerraum. Was hatte er vor?
Natürlich war das Gefäß voll; jeder Stein mehr würde darüber hinausragen oder sogar zu Boden fallen. Die Antwort war klar. „Nun, ich glaube, Sie irren“, mit diesen Worten stelle er einen Eimer neben dem Glas auf, holte eine kleine Schaufel hervor und begann, kleine Kieselsteine über die Öffnung des Glasgefäßes zu leeren.

„Er wieder, mit seinen Tricks“, hörte man die Studenten flüstern, denn die kleinen Kiesel fielen zwischen den großen Steinen hindurch bis auf den Boden des Gefäßes und füllten von dort bis oben hin die Zwischenräume aus. „Ich muss Ihnen leider die Frage noch einmal stellen: Ist das Gefäß vor mir jetzt voll?“ Einige seiner Zuhörer hielten sich bereits vorsichtig zurück, denn sie kannten seine Überraschungseffekte, doch die meisten antworteten voller Überzeugung mit „ja“.

„Also, meine Lieben, ich hätte Sie für klüger gehalten. Immerhin sind wir nun bereits seit mehr als drei Monaten hier zusammen; schauen Sie“, und er füllte aus dem Säckchen, das er mitgebrachte hatte, ganz feinen Sand zwischen die großen und kleinen Steine seines Behältnis¬ses.

„So, jetzt ist es voll, das Gefäß und damit das Leben! Dieses Glas hier symbolisiert das Leben eines jeden einzelnen von ihnen. Sie füllen es an mit vielen farbigen, sehr unterschiedlich beschaffenen Steinen in allen Größen. Die großen Steine, sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben: Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Freunde, vielleicht Ihr Glaube, all das, was Ihnen selbst besonders wichtig ist. Die kleineren Steine stehen zum Beispiel für Wohnung, Arbeit – einen etwas größeren nehmen Sie bitte für Ihr Studium!! – einen Urlaub, eine Anschaffung, einen Theaterbesuch. All diese kleineren Steine haben gut zwischen den großen Platz, füllen die Zwischenräume aus, verbinden die großen sogar manchmal miteinander. Und für den Sand, also die Party heute Abend, ist immer noch genug Raum in Ihrem Gefäß, ich meine, in Ihrem Leben.“

„Aber jetzt kommt das Wesentliche der Geschichte!“ Das Gefäß, das er nun auf den Tisch stellte, glich dem anderen aufs Haar, doch war es bereits bis oben hin mit Sand gefüllt. „Achten Sie auf die Reihenfolge!! Wenn Sie in Ihrem Gefäß nur Sand anhäufen, wird für die Steine kein Platz mehr sein“, und wie zum Beweis, setzte er einen dicken Stein oben auf den Sand. „Gehen Sie sorgfältig mit den Steinen Ihres Lebens um, wählen Sie gut, was Ihnen wichtig ist und denken Sie bei allen Entscheidungen immer zunächst an die großen Steine.“

Er hob ein besonders großes, wunderschön marmoriertes Exemplar in die Höhe: „Den schönsten Stein in Ihrem Leben aber, den reservieren Sie bitte für sich selbst.“

(nach Stephen Covey „Der Weg zum Wesentlichen“)