Laute und Harfe

Es war einmal eine Laute. Sie hatte viele Saiten – eine aber liebte sie vor allen – die tiefste, leiseste. Die ließ sie, so oft sie konnte, erklingen, freute sich an ihr und fühlt sich wohl dabei.

Je älter sie aber wurde, um so mehr kümmerte sie sich um die anderen, stärkeren, lauteren Saiten, die sie jetzt für wichtiger hielt, denn sie wollte sich stark fühlen und gehört werden. Sie übte sich durchzusetzen, aber auch mit ihren Tönen auf die Lieder anderer Instrumente zu antworten, mit ihnen zusammenzuklingen, von ihnen zu lernen. Doch die dunkle, tiefe Saite vergaß sie immer mehr, bis sie sie gar nicht mehr erklingen ließ. Die Laute glaubte sich wohl zu fühlen und merkte nicht was ihr verloren ging.

Eines Tages hörte sie plötzlich einen neuen und doch so bekannten Ton in der Ferne. Sie ging ihm nach und fand eine Harfe – sehr hell, zart und beinahe unwirklich hing sie an einer Weide und der Wind ließ ihre Saiten erklingen. Sie klang so schön und vertraut, dass die Laute behutsam näher ging, um zu lauschen….
Als sie eine lange Weile ganz versunken gesessen hatte, wusste sie, dass sie etwas wiedergefunden hatte, das ihr verlorengegangen war und ihre eigene, längst vergessene Saite kam ihr in den Sinn.

Sie begann gleich, sehr zaghaft zuerst, dann immer stärker diese ihre Lieblingssaite wieder zum Erklingen zu bringen. Wie wohl und glücklich sie sich nun fühlte! Sie wusste, dass sie jetzt erst wieder lebte.

Von nun an ging sie, so oft es ihr möglich war, wieder zu der Weide, um mit der Harfe zusammenzuklingen und sie versuchte zu lernen, diesen ihren zarten, tiefen Ton mit ihren anderen, kräftigen, erdnahen Saiten wieder in Einklang zu bringen.
Die Harfe aber klang immer anders. Mal überließ sie sich dem Wind oben in den Zweigen und es hörte sich an wie aus einer anderen Welt: fremd, fern und seltsam. Dann wieder nahm sie ihre Kraft zusammen, kam herunter und es erklangen recht lebensnahe Töne. Sie konnte sehr zart und nachdenklich klingen, aber auch plötzlich mit einer ausgelassenen Melodie überraschen.

Und es freute sich eine an der anderen, verstand die fremden und fühlte die vertrauten Klänge.

(aus: Erika Meyer-Glitza, Zwischenspiele)