In ein Bild hineinwachsen

Der Wiener Künstler Gustav Klimt erhielt einmal von der Baronin Sonja von Knips den Auftrag, ein Porträt von ihr zu erstellen. Der Künstler stimmte zu, allerdings wollte er nicht nur eine Momentaufnahme von seiner Kundin zeichnen. Er wollte an ihrem Leben teilnehmen, um die Baronin so zu malen, wie sie tief in ihrem Innern ist. Äußerlich gesehen war sie keine Schönheit. Sie war von einem harten Leben gezeichnet und litt unter Depressionen. Der Künstler malte nun ein Porträt von ihr. Es sah ihr allerdings überhaupt nicht ähnlich. Auf dem Bild sah man nämlich eine wunderschöne Frau. Eine Frau mit einer kraftvollen Ausstrahlung. Die Baronin hängte sich das Porträt – wohl leicht geschmeichelt – trotzdem ins Wohnzimmer. Und nun geschieht das Unglaubliche. Als ein paar Jahre später der Künstler die Baronin besuchen wollte, erschrak er. Die Baronin hatte sich in eine wunderschöne Frau verwandelt. Sie war der Frau, die er vor ein paar Jahren gemalt hatte, wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Baronin hat sich unbewusst durch das ständige Betrachten des Bildes immer mehr in diese schöne Frau verwandelt. Der Künstler malte einen Entwurf von ihr – und sie wurde diesem Entwurf immer ähnlicher. So ähnlich, dass ihre Verwandlung wie ein Wunder erschien. Gott hat auch einen Entwurf von uns. Er schreibt uns diesen Entwurf in unser Herz. Gott spricht: Ich will mein Gesetz in ihren Sinn schreiben. Er hängt ein Bild in unser Herz.

(Daniel Paulus, Predigt über Jeremia 31,31-34, in der Ev. Kirchengemeinde Hertmannsweiler-Bürg, 28.05.06)