Der zu enge Krug

Der Mullah, ein Prediger, war im ganzen Dorf dafür bekannt, dass er Menschen auf wundersame Weise heilen konnte. Eines Tages saß er vor seinem Haus. Da kam ein reisender Händler zu ihm, der klagte: „Oh Mullah, bitte hilf mir! Ich reise viele Tage des Jahres mit meinem Esel von Dorf zu Dorf und biete meine Waren feil, um unser Brot zu verdienen. Doch ich bin unglücklich, weil mir mein Weib und meine Kinder so fehlen. Bin ich wieder zu Hause, kann ich gar nicht genug kriegen von ihnen und möchte sie nie wieder alleine lassen. Doch muss ich voll Schmerz wieder losziehen und Tag um Tag traurig darauf sinnen, sie wieder in den Armen halten zu können.“

Schweigend nahm der Mullah einen Krug, gefüllt mit süßen Nüssen, und bot sie dem reisenden Händler an. Der versenkte seine Hand tief im Krug und nahm gierig so viele Nüsse in die Hand, wie er greifen konnte. Als er die volle Hand wieder aus dem Krug ziehen wollte, verklemmte sie sich jedoch in dem engen Hals des Kruges. Je mehr er daran zog, desto schmerzhafter verkeilte sich seine Hand darin. Hilfesuchend blickte er zum Mullah. Der nickte nur wissend und fragte: „Willst Du Dich von Deinen Schmerzen befreien?“ Der Händler meinte flehend: „Oh ja, bitte hilf mir schnell!“ Darauf erwiderte der Mullah: „Stecke Deine Hand zurück in den Krug, öffne sie und lasse alle Nüsse fallen …“ Der Händler tat, wie ihm geheißen, ließ die Nüsse los und zog seine befreite Hand heraus. Doch da er sich so auf den süßen Geschmack gefreut hatte, meinte er: „Aber die guten Nüsse …?“ Weise lächelnd nahm der Mullah den gefüllten Krug, drehte ihn um und ließ Nuss um Nuss in die Hände des Mannes fallen. Der reagierte völlig verwundert: „Bist Du ein Zauberer?“ – „Nein, aber ich habe gelernt, dass, wenn Festhalten und Loslassen im Gleichgewicht sind, Du von beidem mehr haben kannst!“

Erhobenen Hauptes und ebenfalls mit einem Lächeln auf dem Gesicht nahm der Händler seinen Esel und zog zufrieden weiter.

(aus Persien)